
Wie alles beginnt: Was uns vor der Geburt prägt
Wann beginnt eigentlich unser Leben? Mit dem ersten Atemzug? Oder schon viel früher, im Dunkel und in der Wärme der Gebärmutter, getragen vom Herzschlag und der Stimme eines anderen Menschen?
In meiner Praxis begegnen mir Menschen, die sich fragen, woher bestimmte Muster in ihrem Leben kommen: die Angst vor Nähe oder vor dem Verlassenwerden, das Gefühl, nicht richtig willkommen zu sein, eine innere Anspannung ohne erkennbaren Anlass.
Oft lassen sich solche Muster auf Erfahrungen in Kindheit und Jugend zurückführen, wie ich es in anderen Artikeln beschrieben habe. Manchmal reicht die Spur aber viel weiter zurück: in die Zeugung und in die Zeit im Mutterleib.
Das heißt nicht, dass wir uns daran erinnern. Frühe Eindrücke sind meist keine bewussten Erinnerungen, sondern körperliche und emotionale Spuren: ein Gefühl von Enge oder Weite, von Sicherheit oder Gefahr, von Verbundenheit oder Alleinsein.
Bettina Alberti schreibt in “Die Seele fühlt von Anfang an” dazu: „Letztlich sind wir immer alles, was wir schon gelebt und erfahren haben.” Und das beginnt von Anfang an.
Ich durfte das selbst erfahren, in einem berührenden Seminar mit Anja Engelsing. Sie begleitet mit über 30 Jahren Erfahrung als Frauenärztin und Therapeutin den eigenen Geburtsprozess: das Erinnern, aber auch Neu-Erleben der eigenen Geburt, angefangen bei der Zeugung. Eine wunderbare Erfahrung!
In diesem Artikel lade ich dich ein, dich dem Thema zu nähern:
- Was wissen wir über Zeugung und Zeit im Mutterleib?
- Wo stößt die Forschung an Grenzen?
- Wie zeigen sich frühste Prägungen im Erwachsenenleben?
Dazu gibt es anonymisierte Beispiele aus meiner Praxis und kleine Impulse zur Selbstreflexion.
Ein wichtiger Hinweis vorab
Dieser Artikel behandelt Themen, die berühren können, gerade weil sie in eine ganz frühe schutzlose Zeit fallen: Zeugung, Schwangerschaft, schwierige Verläufe, frühe Trennung, Verlust, Ablehnung und Ungewolltsein. Vielleicht löst das Unruhe, Traurigkeit oder körperliche Reaktionen aus, etwa Herzklopfen, Enge in der Brust oder Schwindel. Dann lege den Text ruhig erst einmal weg, spüre deine Füße auf dem Boden und atme langsam aus.
Bitte achte gut auf dich beim Lesen. Wenn dich etwas stark belastet, suche dir therapeutische Begleitung. Dieser Artikel kann inspirieren, ersetzt aber keine Therapie.
Was bedeutet pränatal?

Pränatal heißt vorgeburtlich. Wichtig zu wissen: Diese Phase und die Zeit rund um die Geburt sind noch wenig erforscht. Auch das Bewusstsein, dass Ungeborene sehr sensibel auf ihre Umwelt reagieren, wächst erst langsam. Matthew Appleton beschreibt in Impulse zur Ganzheit diese Phase so: „Das Ich- oder Selbst-Bewusstsein entsteht aus diesen sehr frühen Lebensphasen heraus.”
Vieles in meinem Artikel gehört zum Erfahrungswissen der Pränatalpsychologie und lässt sich nicht im Einzelfall beweisen. Ich verstehe es als Einladung zum Nachspüren, nicht als Tatsachenbehauptung über dein Leben. Glücklicherweise wird die Wichtigkeit dieser Phase aber sukzessive erkannt, wie es im Deutsches Ärzteblatt beschrieben ist.
Zeugung: das Empfängnisfeld
Für Matthew Appleton ist bereits die Zeit rund um die Empfängnis, wenn eine Eizelle von einer Samenzelle befruchtet wird, eine wichtige Komponente für das neue Leben. Gibt es schon jetzt eine nährende und unterstützende Umgebung, wie sie zum Beispiel indigene Völker für wichtig halten?
Er spricht vom Empfängnisfeld. Oft wird Zeugung als rein biologischer Vorgang betrachtet, bei dem es keinen Unterschied macht, ob sie durch körperliche Verschmelzung zweier Menschen geschieht oder in der Petrischale. Seine Gedanken sind in unserer modernen Welt sicher nachdenkenswert.
In diesem Feld können viele Gefühle vorhanden sein. Wunderbar ist es, wenn es Liebe ist. Aber auch Wut, Gewalt, Angst, Alkohol oder Drogen können zum Zeitpunkt der Empfängnis eine Rolle spielen.
Bei meiner Geburtsreise mit Anja kam heraus, dass ich in Liebe gezeugt wurde. Ich war ein gewolltes Kind. Dieses Bewusstsein hat mich heute, mit über 60 Jahren, noch einmal sehr bestärkt.
Deine eigene Reflexion:
- Was weiß ich über meine Zeugung?
- Welche Lebenshintergründe und Gefühle bestimmten meine Empfängnis?
- Vielleicht kannst Du Deine Eltern noch über die Hintergründe fragen?
Einnistung: Ankommen

Die erste Hürde ist nach der Empfängnis genommen. Die befruchtete Eizelle (Zygote) wandert durch den Eileiter in Richtung Gebärmutter. Diese Phase ist eine wichtige Schwelle zur Verkörperung. Die Verbindung zur Mutter und ihrem Umfeld wird deutlicher, und es wird erstmals möglich, das mütterliche Blut zu schmecken. Das Bild vom Verkörpern passt hier gut.
Ein empfindliches Thema ist das mögliche Abgehen eines Zwillings (Vanishing Twin). Manche Menschen berichten in tieferer Selbsterfahrung von Trauer oder Schuldgefühlen als Überlebende. Das ist wissenschaftlich nicht gesichert, doch der Körper scheint es nach diesen Berichten manchmal als Bewusstsein zu speichern. Falls dich das Thema berührt: Es geht um Mitgefühl, nicht um Schuld.
Gebärmütter sind ganz unterschiedlich
Mit dem Einnisten erfahren wir erstmals die Qualität unserer Mutter. Wir tauchen in ihre körperlichen Erfahrungen ein: ihre Gefühlslage, aber auch die Qualität der Nahrung, die sie geistig und körperlich zu sich nimmt. Für die folgenden Monate bestimmt diese Umgebung unser Zuhause. Menschen, die sich hier schwer einnisten konnten, fragen sich später oft: „Wo ist mein Zuhause?”
Matthew Appleton beschreibt verschiedene Arten von Gebärmüttern, die in der therapeutischen Arbeit immer wieder auftauchen. Hier nur in Kürze:
- Üppig: lebendiges, empfängliches Gewebe. Menschen, die hier gelandet sind, erleben oft eine Welt sinnlicher Freude und Regulation, auch wenn das Leben der Mutter schwierige Phasen hatte.
- Arid: eine Wüste, wie die emotionale Grundhaltung der Mutter. Die Frage „Kann mich diese Umgebung versorgen?” kann später in der Therapie auftauchen.
- Eisig: Kälte und Frösteln, wenig Genuss und Sinnlichkeit, eher Starrheit und feste Vorstellungen. „Ich musste mich hineinzwängen” kann als Lebensthema erscheinen.
- Verschlingend: der emotionale Hunger der Mutter ist so groß, dass kaum Platz für das neue Leben bleibt. „Du gehörst mir” kann zum Lebensthema werden.
- Toxisch: belastet durch Bitterkeit oder Depression, aber auch durch Drogen, Alkohol oder Medikamente. Als wäre man im Abwasser gelandet.
Wenn die Umgebung nicht nährend und schützend war, entsteht im übertragenen Sinn ein Baum ohne tiefe Wurzeln. Es fällt uns dann nicht leicht, Sicherheit und Zugehörigkeit zu spüren, von Anfang an.
Deine eigene Reflexion:
- Welche Vorstellung oder auch welches Bild kommt Dir zu den beschriebenen Gebärmüttern?
- Welche Beschreibung passt zu Deinem Lebensweg?
Gewollt, willkommen, gesehen?
In der Pränatalpsychologie und in meiner therapeutischen Arbeit spielt eine Frage oft eine große Rolle: War ich erwünscht? Hier verlassen wir den Bereich der gesicherten Forschung und bewegen uns im Feld des Erfahrungswissens. Viele Menschen berichten, dass sie ein tiefes Gefühl von „Ich bin hier falsch” oder „Ich darf keinen Platz einnehmen” mit der Zeit vor ihrer Geburt in Verbindung bringen. Ob und wie dieses Gefühl tatsächlich in der Schwangerschaft entstanden ist, lässt sich im Einzelfall nicht beweisen.
Auch die Zeit, wenn eine Mutter feststellt, dass sie schwanger ist, ist eine Form der frühsten emotionalen Prägung. Manchmal dauert es einige Monate, bis Mütter die Schwangerschaft feststellen. Das kann kann auch zum Schock dieser Entdeckung führen.
Matthew Appleton schreibt dazu: “Eine Schwangerschaft kann eine willkommene Entdeckung sein, ein Schock oder die Bestätigung dessen, was man befürchtet hat.” Und das pränatale Herz ist sehr offen für diese Zeit der Entdeckung und hier kann Stress im psychosomatischen System des Babys entstehen. Man spricht vom sogenannten “Entdeckungstrauma” mit der möglichen Folge fürs weitere Leben: “Ich finde es schwer gesehen zu werden.” so beschreibt es eine Klientin bei mir in der Praxis.
Was ich in der Praxis erlebe: Es ist oft weniger entscheidend, was damals genau war, als die Frage, was dieses Gefühl heute mit dir macht und was es braucht, damit es sich wandeln kann.
Dazu gehört auch, dass eine Schwangerschaft zunächst ungeplant oder mit gemischten Gefühlen begann und das Kind dennoch von Herzen willkommen war. Beides kann nebeneinander bestehen und ist wichtig, gesehen zu werden.
Deine eigene Reflexion – vielleicht nicht ganz einfach:
- Welche Gedanken kommen Dir zu Deiner existentiellen Entdeckung?
Wichtig zum Schluss
Diese Bilder sind keine Urteile über Mütter. Schwangere Frauen tragen ihre ganz eigene Geschichte (auch die der Vorfahren), ihre Sorgen und Verluste, und die meisten haben ihr Bestes gegeben. Auch ein Baum ohne tiefe Wurzeln kann später Halt finden: durch Beziehungen, die tragen, durch neue Erfahrungen und durch bewusste Arbeit an sich selbst. Frühe Prägungen erklären manches, bestimmen aber nichts endgültig.
Ich habe auf jeden Fall mit der behutsamen Begleitung von Anja Engelsing nochmal einen tieferen Einblick in vorgeburtliche Erfahrungen – auch für meine Klient:innen – mitnehmen können und noch wichtiger: ich fühlte und fühle mich nach dem eigenen Geburtsprozess wie neu geboren. Eine gute Fortsetzung für mein weiteres Leben – auch wenn in der Gebärmutter nicht immer alles rosig war…
Und die Geburt als solches ist nochmal ein ganz eigener Prozess, den ich in einem anderen Artikel beschreiben werde: Wie bin ich in der äußeren Welt angekommen?
Meine Quellen und weiterführende Literatur
Barbara Findeisen, Präsidentin der Amerikanischen Gesellschaft für Pränatale Psychologie (APPAH) in Why our Birth matters
Matthew Appleton: Impulse zur Ganzheit. Die Synthese pränataler, transpersonaler und somatischer Psychologie
Bettina Alberti: Die Seele fühlt von Anfang an. Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen


