
Für die Bindung tue ich alles
„Ich weiß gar nicht richtig was ich eigentlich will.“
Meine Klientin saß vor mir und war wirklich verzweifelt.
Sie erzählte von ihrer Beziehung, wie sehr sie sich bemühte, Konflikte zu vermeiden, alles richtig zu machen und die Bedürfnisse anderer zu erfüllen.
„Wenn jemand enttäuscht von mir ist, halte ich das kaum aus“, sagte sie betroffen. Und sie ergänzte, dass sie dann faktisch nach innen kollabiert (sich total zurückzieht), um die Situation zu bewältigen.
Ein altes, erlerntes Muster – was ihr heute nicht mehr gut tut und auch zu körperlichen Symptomen führt.
Im Laufe unserer Gespräche wurde deutlich:
Schon als Kind hatte sie gelernt, sich anzupassen. Ihre eigenen Gefühle wurden wenig wahrgenommen, Bedürfnisse kaum gespiegelt. Nähe gab es oft nur dann, wenn sie funktionierte, ruhig war oder keine Probleme machte.
Irgendwann sprach sie einen Satz aus, der alles auf den Punkt brachte:
„Für die Bindung tue ich alles.“
Wo liegen die Ursachen?
Kinder sind existenziell auf Bindung angewiesen. Deshalb passen sie sich oft um jeden Preis an ihre Bezugspersonen an – selbst dann, wenn ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse oder Grenzen dabei verloren gehen. Sogar bis hin zur Aufgabe des eigenen Selbst.
Genau daraus entsteht häufig die innere Überzeugung:
„Für Bindung tue ich alles.“
Das ist kein bewusster Entschluss eines Kindes, sondern eine Überlebensstrategie des Nervensystems. Denn für ein kleines Kind bedeutet Bindungsverlust existenzielle Gefahr.
Wenn Kinder in ihrer frühen Kindheit Bezugspersonen ha
tten, die wenig oder keine emotionale Einstimmung ermöglichten – also ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht ausreichend spiegeln konnten –, kann daraus ein Entwicklungs- bzw. Bindungstrauma entstehen.
Diese Form von Trauma entsteht häufig dann, wenn Babys oder Kleinkinder in den ersten Lebensjahren emotional überfordert sind. Dazu gehören Erfahrungen wie:
- nicht gesehen werden,
- nicht gehört werden,
- mit den eigenen Gefühlen allein zu bleiben,
- nicht angenommen zu werden,
- oder der Verlust bzw. das Fehlen einer sicheren Bindung.
In der Adverse Childhood Experiences (ACE) sind alle Ursachen für diese Art von Trauma differenziert aufgeführt.
Hier findest Du einen Fragebogen zu den Kriterien des ACE, der deutlich macht, wie schwerwiegend die Erfahrungen gewesen sein müssen.
Was ist der Unterschied zwischen Bindungs- und Entwicklungstrauma?
Ein Entwicklungstrauma beschreibt die Auswirkungen früher, wiederkehrender Überforderung auf die gesamte psychische und emotionale Entwicklung eines Menschen.
Ein Bindungstrauma bezieht sich stärker auf Verletzungen innerhalb der Beziehung zu den wichtigsten Bezugspersonen. Es entsteht dort, wo Sicherheit, emotionale Verfügbarkeit und sichere Bindung fehlen. Dadurch kann die spätere Beziehungsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigt werden.
Beides ist eng miteinander verbunden, denn Bindungserfahrungen prägen die Entwicklung eines Menschen von Anfang an.
„Für die Bindung tue ich alles.“
Viele Menschen tragen unbewusst genau diesen Satz in sich.
Sie lernen früh:
- sich anzupassen,
- eigene Bedürfnisse zurückzustellen,
- Konflikte zu vermeiden,
- viel Verantwortung zu übernehmen,
- oder sich selbst zu verlieren, um Nähe und Zugehörigkeit nicht zu gefährden.
Was früher dem Überleben diente, zeigt sich später oft in Beziehungen, im Beruf oder im Umgang mit den eigenen Grenzen. Es entstand aus einem Anpassungsmuster, um die Bindung nicht zu verlieren. So wie bei meiner Klientin.
Folgen dieser Anpassung
Die Anpassung an eine unsichere und wenig einstimmende Umgebung führt dazu, dass ein Kind das Abspalten der eigenen Gefühle und Bedürfnisse als lebensrettend wählen muss.
Jedes Kind ist mal wütend gegenüber den Eltern. Wenn diese Wut aber nicht gesehen oder akzeptiert wird, dann bedroht dies die Bindung. Das Kind lernt, in diesen Situationen die Wut abzuspalten und sogar indem es sich selbst als „böse“ wahrnimmt. „Mit mir stimmt was nicht!“, um die Liebe der Eltern im Inneren aufrecht zu erhalten.
Wut ist hierbei der sogenannte Grundkonflikt. Aus Angst vor Bindungsverlust wird diese Wut aufgeben und nach Innen gerichtet.
Das eigene Selbst wird damit aufgegeben bis hin zur:
- Selbstverurteilung, Selbstbeschämung und Selbsthass
- Selbstverleugnung
- Selbstverletzung
- und indem wir später im Leben immer wieder Menschen finden, die uns auf diese Weise behandeln.
Daraus kann folgen, dass die Umgebung auch im heutigen Leben häufig als bedrohlich wahrgenommen wird. Viele Betroffene fühlen sich nie wirklich sicher. Auch das Erleben des eigenen Selbst bleibt oft nur unvollständig entwickelt. Wirkliche Nähe wird aus Angst eher vermieden.
Hinzu kommen nicht selten Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle sowie Depressionen oder Autoimmunerkrankungen. Denn belastende oder schmerzhafte Erfahrungen werden weiterhin nicht nach außen verarbeitet, sondern gegen das eigene Innere gerichtet – insbesondere die Wut.
(Quelle: Somatic Experiencing® Seminar mit Doris Rothbauer, Mai 2027)
Der Weg zurück zu sich selbst
Der erste Schritt ist die Erkenntnis darüber, wie Anpassungsstrategien entstanden sind, die in der Kindheit überlebensnotwendig waren. In diesem Zusammenhang kann auch Trauerarbeit wichtig werden – etwa darüber, dass die Eltern nicht in der Lage waren, ein angemessenes und einfühlsames Gegenüber zu sein. Es hat vieles gefehlt. Daraus ergibt sich eine tiefgreifende Frage:
Was hat damals nicht die liebevolle Aufmerksamkeit bekommen, die eigentlich notwendig gewesen wäre?
Für meine Klientin war es zudem wichtig, sich aus dem alten Muster „Für die Bindung tue ich alles“ zu lösen und mehr für ihr authentisches Selbst – also ihre erwachsene Seite – einzustehen.
Es ging darum zu erkennen, wann sie noch aus kindlichen Gefühlen wie Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, unterdrückten Emotionen oder verzerrter Wahrnehmung heraus handelt, und wie sie zunehmend in ein erwachsenes Bewusstsein finden kann.
Entscheidend war dabei, zu spüren, wie Handlungskraft, Verantwortung und echte Verbindung aktiv genutzt werden können, um für sich selbst einzustehen.
In der Übersicht von NICABM werden drei Bereiche der Psyche beschrieben, die Klienten helfen können, die Folgen eines Traumas besser zu verstehen und Beziehungen zunehmend aus ihrem reflektierten, reifen Selbst heraus zu gestalten.
Im Sinne der Selbstwirksamkeit bedeutet dies, nicht länger Opfer äußerer Umstände zu sein, sondern mehr Einfluss auf das eigene Leben zu gewinnen. Hinzu kommt, Konflikten nicht mehr auszuweichen, weil diese nicht zwangsläufig das Ende einer Beziehung bedeuten. Meine Klientin lernte vielmehr, dass Konflikte auch zu einer Vertiefung des Kontakts führen können. Dadurch wurde sie zunehmend als echtes Gegenüber erlebt – erwachsener, präsenter und innerlich kraftvoller.
Und letztlich geht es darum:
Für die Bindung tue ich heute nicht mehr alles, was mir selbst schadet und mich in meinem Innersten verleugnet.
Hinweis: Einige Gedanken entstammen aus dem o.g. SE-Seminar mit Doris Rothbauer, Mai 2027. Bilder von pexels und Gerald Dispute.


