
Viel zu große Schuhe – Parentifizierung in der Kindheit und Folgen
- „Warst du als Kind diejenige, die immer vermitteln musste, wenn deine Eltern gestritten haben?“
- „Hast du früh gelernt, stark zu sein – weil sonst niemand stark war?“
- „Warst Du eher unsichtbar, unauffällig und angepasst – weil sich keiner um dich gekümmert hat?“
Wenn Kinder Aufgaben übernehmen müssen, die eigentlich zu den Eltern gehören – emotional oder praktisch – spricht man von Parentifizierung. Es ist ein ungewollter Rollentausch, bei dem Kinder in eine Verantwortung gezwungen werden, weil das Familiensystem sonst auseinander bricht.
Dies kann aus ganz verschiedenen Gründen erfolgen:
- Wenn Mütter oder Väter psychisch (Alkoholismus, Depressionen u.a.) erkrankt sind und keine Kapazitäten haben, sich ihren Kindern zuzuwenden
- Wenn ein Bruder oder eine Schwester eine Behinderung oder ein psychisches Leid hat und die volle Aufmerksamkeit braucht
- Wenn Eltern körperliche Erkrankungen haben (Krebs, MS, chronische Schmerzen) oder sogar sterben
- Wenn Eltern sich trennen und Kinder den fehlenden Part im Familiensystem übernehmen
All dies können Gründe sein, dass das Kind der emotionale Halt für die Eltern wird, zu viel Verantwortung übernimmt und die eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Wichtig ist, dass diese Eltern-Kind Beziehung keine normale ist.
Wesentliche Folge daraus ist: die eigene Kindheit wird geraubt mit all ihrer Unbeschwertheit und Möglichkeit, sich selbst zu entdecken und ein gutes Selbstwertgefühl aufzubauen.
Formen der Parentifizierung
Verantwortungsübernahme kann einen Menschen wachsen lassen – es sollte jedoch altersadäquat sein.
D.h. wenn die Verantwortung dem Alter nicht entspricht oder zu lange andauert wird es zur bleischweren Verantwortungsübernahme. Es gibt zwei Formen der Parentifizierung:
Instrumentelle Parentifizierung

Hier übernimmt das Kind praktische Tätigkeiten, wie den Haushalt oder die Geschwister zu versorgen. Viele Dinge, die für den Alltag notwendig sind, werden hier auf den Rücken des Kindes verlagert. Dies geschieht oft ohne elterlichen Rückhalt und zeitliche Begrenzung und natürlich ohne Anerkennung.
Auch die finanzielle Verantwortung wird hier oft auf das Kind übertragen, wie z.B. das Haushaltsgeld einzuteilen. Hinzu kommt die Pflege des kranken Elternteils mit allen organisatorischen Aufgaben, die nötig sind.
Emotionale Parentifizierung
Noch schwerer wiegt die emotionale Versorgung der Eltern. Dann wird das Kind Zuhörer(in) für Sorgen und Nöte der Eltern. Vielleicht auch im Konflikt zwischen den Elternteilen als Sprachrohr genutzt, damit diese sich selbst stabilisieren, zu trösten oder vielleicht sogar um zu vermitteln.
Diese „tonnenschwere“ Last führt dazu, dass eigene Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden können. Hinzu kommt das Gefühl, für das Wohlbefinden der Eltern verantwortlich zu sein – noch ein Aspekt, der einen von sich selbst ablenkt.
Warum das für Kinder belastend sein kann
Kinder, die zu früh viel Verantwortung übernehmen mussten, werden ihrer Kindheit beraubt.
Sie tragen viel zu große Schuhe und können nicht sukzessive in die richtige Größe hineinwachsen. Dies hat zur Folge, dass sie sich permanent überfordert fühlen. Da ein Kind seine Eltern nicht enttäuschen möchte, wird es versuchen diese Verantwortung zu erfüllen und dabei vermutlich scheitern. Was wiederum zu Schuldgefühlen führen kann.
Wenn immer nur die Bedürfnisse anderer im Vordergrund stehen, bleibt keine Raum und keine Entwicklung sich selbst zu spüren.
Der Psychotherapeut Raphael Höfinger aus Wien nutzt drei Fragen, die parentifizierte Erwachsene oft nicht leicht beantworten können:
- Was will ich?
- Was brauche ich nicht, ist aber in Ordnung, wenn es so ist?
- Was will ich nicht?

Einhergehend ist dann auch der Verlust, eigene Grenzen zu setzen und zu spüren. Auch die eigene Gefühlswelt – wie Traurigkeit, Wut, Zuneigung oder Ängste – kann sich nicht altersgemäß entwickeln.
Normalerweise lernen Kinder die unterschiedlichen Gefühle wahrzunehmen, sie zu sortieren und ganz wichtig: sie auch zu regulieren. All dies findet in parentifizierten Familiensystemen nicht statt – hier steht ja das Wohl der Eltern im Vordergrund.
Hier werden Kinder oft nicht getröstet, Wut darf nicht stattfinden und Freude ebenso nicht. Darf ich überhaupt fühlen oder ist hier gar kein Raum dafür da?
Letztlich wirken viele parentifizierte Kinder besonders reif und verantwortungsvoll. Doch oft zahlen sie dafür einen Preis: Sie lernen früh, für andere da zu sein – aber nicht unbedingt für sich selbst.
Auswirkungen im Erwachsenenalter
Menschen, die auf eine parentifizierte Kindheit zurückblicken sind oft sehr beliebt. Klar, denn sie passen sich leicht an, sind hilfsbereit, denken für andere mit und stehen gerne zur Seite.
Vielleicht erkennst Du dich heute in typischen Mustern wieder:
- Helfersyndrom – Berufe, wie Pflege, Therapie und Ehrenamt sind sehr beliebt
- Schwierigkeiten, Hilfe anzunehmen, denn alles alleine machen war überlebensnotwendig
- starke Verantwortungsgefühle und gute Sensoren für andere
- Angst, andere zu enttäuschen
- Beziehungsmuster in Freundschaften und Beziehung: „ich kümmere mich“
Hier sind folgende Fragen hilfreich, um sich selbst besser zu verstehen:
- „Fühlst du dich schnell verantwortlich für das Wohlbefinden anderer?“
- „Fällt es dir schwer, Grenzen zu setzen?“
- „Hast du das Gefühl, immer stark sein zu müssen?“
Entlastender Perspektivwechsel
Ganz wichtig: Scham reduzieren. Viele schämen sich auch noch als Erwachsene für ihre Gefühle, dass sie heute Wut gegenüber ihren Eltern empfinden oder eben auch Scham fühlen, wenn sie auf ihre Kindheit zurückblicken.
Parentifizierung entsteht selten aus böser Absicht. Oft gab es vielerlei Gründe, wie oben schon genannt, die dazu führten, dass Kinder in die Rolle der Erwachsenen geschlüpft sind. Es war sozusagen ein Loch im Familiensystem, dass gestopft werden musste, damit alle irgendwie „durchkamen“.
Oft waren die eigenen Eltern selbst überfordert, krank oder in schwierigen Lebenssituationen. Das kann Mitgefühl schaffen – ohne das Erlebte in der Kindheit klein zureden. Hier kann es hilfreich sein, in einer Therapie die Hintergründe und Auswirkungen auf das heutige Leben zu erfassen, um Parentifizierung nicht bei den eigenen Kindern zu wiederholen oder auch zu verstehen, wo die Ursachen lagen.
Was kann heute helfen?
Das, was wir als Kinder erlernt haben, kann man nicht von heute auf morgen ablegen. Es sind lang erlernte Verhaltensmuster, die sich nur sukzessive verändern oder formen lassen. Ein Punkt ist sicher, die eigene Bedürfnisse – auch körperlich – (wieder) wahrnehmen. Auch zu entdecken, was heute Spaß und Freude macht. Wege, z.B. über den kreativen Ausdruck, sind hier vielfältig. Es kann auch helfen, alte Gefühle zu verarbeiten.
Da die eigenen Grenzen oft überschritten wurden, gilt es, diese kennenzulernen und mehr Selbstfürsorge für sich selbst zu entwickeln. Wenn man nur für andere da war, bleibt die Sorge für sich selbst auf der Strecke. Vielleicht gelingt das manchen erst nach dem ersten Burnout, denn Menschen, die nur für andere gesorgt haben, haben die innere Fürsorge für sich selbst noch nie entwickelt.
Darf es mir gut gehen, ist oft eine wichtige Frage?
Ich stelle sie manchmal in meinen Sitzungen und wenn sie nicht mit ja beantwortet werden kann, dann liegt der Schluss nahe, dass man sich selbst auf dem Weg verloren hat. Eine traurige Erkenntnis, aber hier liegt auch ein wichtiger Schlüssel verborgen. Im Rückblick zu erkennen, dass die eigene Kindheit durch Parentifizierung geprägt war, ist Trauerarbeit.
„Es ist entscheidend, sich den Mangel an Erfüllung bewusst zu machen, um zu erkennen, dass es eine Schieflage gab,“ so beschreibt es Johannes Faupel auf seiner Webseite zur Parentifizierung.
Und manchmal ist der erste Schritt oft das Erkennen: „Das, was ich erlebt habe, hatte einen Namen.“ Parentifizierung
Weiterführende und hilfreiche Informationen unter: /https://parentifizierung.de/


