Lebensthemen

Wer bin ich eigentlich und wie viele?

Ego-States: Puzzleteile der eigenen Persönlichkeit

Kennen Sie Ihre Ego-States?

Jedes Individuum ist nur eine Person, aber jeder besteht aus vielen Persönlichkeitsanteilen. Diese Anteile nennt man Ego-States (lateinisch ego ‚ich‘, englisch state ‚Zustand‘). Diese Ego-States können uns das Leben (Beruf, Beziehungen, Bedürfnisse) leicht machen, aber auch sehr schwer. Warum das so ist, beschreibe ich in diesem Blogartikel.

Johan und Helen Watkins haben die Ego-States-Therapie 1980 in den USA entwickelt, um Ratsuchenden ihre Persönlichkeitsanteile bewusst zu machen und ihnen dann zu helfen, diese Anteile im Sinne einer ganzheitlichen Persönlichkeit miteinander zu verbinden. 

Ego-States meint, dass wir aus verschiedenen Ich-Anteilen bestehen und je nachdem, welche Situation gerade ist, die eine oder andere Seite in den Vordergrund tritt. Manchmal eine, die wir gar nicht wollen, die uns schadet, die uns blockiert und behindert. Aber es gibt auch Anteile, die uns genau in die Lage versetzen, die gerade angebracht ist und nützlich ist.

Da genau liegt die Herausforderung: die Anteile zu erforschen, die uns behindern und die zu fördern, die uns ein gutes und integriertes Leben ermöglichen. Jeder Mensch besitzt mindestens 5-15 Ego-States – aber meistens sind es viel, viel mehr… Je nachdem, wie das Leben verlaufen ist und welche Anteile sich dabei herausgebildet haben.

Und noch etwas vorab: Ego-States sind mehr als innere Kritiker! Es sind wirkliche Persönlichkeitsanteile, die man schwerer erkennen kann, sie können bösartiger sein oder auch veränderungsresistenter.

Sie können, so fasst es Kai Fritzsche, Psychotherapeut und Buchautor mehrerer Bücher zu Ego-States, zusammen, Entwicklungen verhindern oder Beziehungen zerstören. Eben weil sie ein Teil der Persönlichkeit sind. Aber es gibt Möglichkeiten, sie zu „anpacken“.

Ego-States fallen nicht vom Himmel

Kai Fritzsche beschreibt es folgendermaßen: „Sie entstehen, damit der Mensch in der Welt zurechtkommen kann, in der Umgebung, in der sich ein Mensch wiederfindet.“ Und er ergänzt: „Dieses Zurechtkommen kann im Extremfall bedeuten, überhaupt zu überleben.“ Das sind dann Anteile, die in der Gegenwart aus einem Überlebensmodus gebildet wurden und ggfls. einem ausgeglichenen Leben in der Gegenwart entgegenstehen. Sie entstehen aus belastenden Situationen, wie Bindungsstörungen, Verluste, Schwierigkeiten in der Familie, aber auch durch politische Unruhen, in denen man sich befunden hat.

Beispiele für Ego-States

Ein Ego-State will z.B. arbeiten, der andere will sich eher mit Freizeitaktivitäten beschäftigen. Diese beiden Teile müssen nun lernen, sich gegenseitig wert zu schätzen, miteinander zu kommunizieren, Kompromisse einzugehen und zusammen zu arbeiten. Welcher Anteil liest z.B. gerade bei Ihnen diesen Artikel? Der interessierte, der neugierige oder vielleicht ein besorgter Anteil? Oder einer, den sie gar nicht beschreiben können, der Ihnen gar nicht bewusst war. Spannend – vielleicht sind Sie jetzt noch neugieriger geworden?

Noch weiter geht das, wenn ein Ego-State ziemlich die Kontrolle über die Persönlichkeit übernommen hat. Ich habe z.B. in meinem beruflichen Umfeld einige Menschen, die einen sehr hohen Anspruch an sich selbst stellen, die wenig Verzeihendes für die eigenen Fehler haben, die sich selbst nieder machen mit abwertenden Sätzen, wie:“ Wie schrecklich sehe ich denn gerade aus!“ oder: „Da war ich wohl ziemlich schlecht.“ Das sind Botschaften, die von Innen kommen, die verletzend sind und bedrohlich – also viel mehr als ein innerer Kritiker.

Interessant wäre dann auch, mal herauszufinden, wo sich dieser Anteil gebildet hat, der in solch eine Selbstabwertung geht? Vielleicht entstand er, durch einen Vater, der nur tadellose Leistungen von seiner Tochter/dem Sohn erwartete? Dann kann daraus eine Selbstbild entstehen, dass zuerst den Makel bei sich selbst sieht, nie gut genug zu sein. Egal, was ich tue – es reicht nie! Und da ist sie wieder, diese innere Stimme – der destruktive Ego-State. Also gilt es herauszufinden, was ist die Geschichte und welches Bedürfnis steht dahinter?

Die guten Ego-States aktivieren

Aber: es gibt einen Ausweg! Denn neben den destruktiven Anteilen, gibt es diejenigen, die positiv sind und wirken. Sie entstanden aus konfliktfreien und förderlichen Situationen. Diese gehören genauso dazu und es gilt sie im täglichen Leben zu stärken oder sie als Hilfe in Situationen zu holen, in denen man von den destruktiven Anteilen „heimgesucht“ wird. Manche kennen diese positiven Anteile gar nicht – also erforscht man sie im Beratungsprozess erstmal, um sie zu finden oder wiederzuentdecken.

Diese Ego-States nennt man:

  • innere Stärke
  • innere Helferinnen und Helfer
  • innere Beobachterinnen und Beobachter

Vielleicht lieben Sie die Natur, sind früher gerne mit einer engen Bezugsperson durch die Berge gewandert? Und vielleicht haben Sie das schon vergessen, wie gut es Ihnen dann immer ging… diese Situationen, die mit schönen Erlebnissen und Gefühlen verbunden sind, gilt es aufzudecken und in der Gegenwart – wenn es notwendig ist – als guten Ego-State wieder einzusetzen.

Was hilft nun?

Wie bei allen Themen rundum die Persönlichkeitsentwicklung ist es für mich immer ganz wichtig, das Thema – und hier geht es wie vielfach beschrieben um die Ego-States – kennen zu lernen. Der nächste Schritt kann sein, sich in der nächsten Zeit mal nach innen zu fragen:

  • Welcher Anteil ist gerade aktiv bei mir?
  • Wie würde ich ihn benennen?
  • Woher kenne ich ihn?
  • Hilft er mir oder behindert er mich?

Der Sinn dabei ist, sie bilden dabei auch gleich eine/n innere/n Beobachter/in aus! Das ist ein ganz wichtiger Schritt, um mehr mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Außerdem bauen Sie gleich eine Verbindung zu Ihren Ego-States auf.

Manchmal kann das alleine herausfordernd sein und vielleicht braucht es für die eigene Entwicklung dazu eine Begleitung. Denn letztlich geht es darum, falls Sie ein oder mehrere Ego-States im Leben behindern, in der Zukunft zu lernen, sich besser abzugrenzen, Kräfte zu wecken oder ganz neues Handlungspotential für eine notwendige Veränderung zu entwickeln.

Und darum ist es gut zu verstehen: wer bin ich eigentlich und wie viele?

Zum Nachhören zwei Experten:

Entstehung von Ego-States | Dr. Kai Fritzsche | Ego-State-Therapie bei Traumafolgestörungen | – YouTube

Woltemade Hartman 1 – Was ist Ego-State-Therapie? – YouTube

Zum Nachlesen ein Kompaktbuch:

Einführung in die Ego-State-Therapie Taschenbuch – 7. Oktober 2019, Carl-Auer Verlag GmbH, Heidelberg
von Kai Fritzsche und Woltemade Hartman

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