Lebensthemen

Trauma und Berührung

Liebe Menschen in der Lebensmitte,

der Sommer ist zurück gekehrt – wie schön! Jetzt gilt es ein wenig Wärme für die folgenden Jahreszeiten zu speichern, um die kühlen Tage gut zu überstehen. Aber sie gehören dazu, wie alles, was wir erlebten oder erleben…

Heute wende ich mich einem sensiblen Thema zu: Trauma – und welche Auswirkungen es für jeden Einzelnen bedeutet. Meine Beratungen und meine aktuelle Ausbildung geben hierzu einen guten Einblick. Dann habe ich noch einen schönen Filmtipp für Sie, der sich mit Berührungen befasst!

Viel Freude beim Lesen!

Trauma: zu viel – zu schnell – zu plötzlich. Trauma als existentielle Grenzerfahrung

„Bin ich traumatisiert?“ ist eine häufig wiederkehrende Frage meiner Coachees, wenn ich davon erzähle, dass ich eine Traumausbildung absolviere. Seit ich mich mit dem Thema Trauma im Rahmen meiner Somatic Experience (SE) Ausbildung intensiv auseinandersetze – eine körperorientierten Methode, die traumatische Ereignisse körperlich und geistig neu verhandelt – sind mir Spektrum und Auswirkungen von Trauma viel bewusster geworden. Faktisch ist es so, dass ein Großteil der Menschen in der Lebensmitte Traumatisierungen erlebt haben und somit muss ich die Frage meiner Klienten oft mit einem „ja“ beantworten. Nur beim Ausmaß der Traumatisierungen unterscheiden sich die Fälle natürlich gravierend.

Ein Blick zurück

Traumatisiert sind viele Lebensmittigen schon allein deswegen, weil die 50/60er Jahre Geborenen Eltern hatten, die den 2. Weltkrieg  als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene erlebten. Die eigenen Eltern haben Dinge erlebt und überlebt, die sie nicht aufarbeiten konnten – dafür gab es damals keine Anlaufstellen und Möglichkeiten zur Aufarbeitung. Damit wurden die Traumatisierungen direkt an die Folgegeneration weitergegeben: also die Lebensmittigen. Und neue Traumatisierungen kommen hinzu, weil sie auf Menschen einwirken, die oft keine gesunden Grenzen entwickelt  haben, um sich entsprechend zu wehren oder zu schützen. Menschen, die mich aufsuchen, haben oft ein aktuelles Problem, dass mit der eigenen Biografie zusammen hängt und diese Zusammenhänge zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit – der rote Faden – muss erst gefunden werden. Dann werden oft traumatische Erinnerungen wach und diese gilt es zu verarbeiten und gut zu integrieren.

Die Kenntnis darüber, was ein Trauma ist und welche Auswirkungen diese haben, liegt bis in das Paris der 1870er-Jahre zurück. Aber erst in unseren 80zigern sind die Schützengraben- und Kriegsneurosen als seelische Erkrankungen anerkannt worden, da bei den Betroffenen erhebliche psychische Symptome, wie bspw. Flashbacks (blitzartiges Wiedererkennen einer alten Situation), Alpträume, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und vielerlei körperliche Symptome auftraten. All das, was wir heute als Posttraumatische Belastungsstörungen bezeichnen. In den frühen 1990er Jahren entstanden in Deutschland die Anfänge einer eigenständigen Traumatherapie, bei denen anfänglich oft der Ansatz war, das Trauma durchzuarbeiten und was oft zur Retraumatisierung geführt hat. Neue körperorientierte Methoden, wie Somatic Experience (SE) sind hier viel achtsamer und bauen beim Klienten erst entsprechende Ressourcen auf, bevor eine Annäherung ans Trauma erfolgen kann.

Was ist ein Trauma und wie wirkt es sich aus?

Trauma (griechisch Wunde) ist eine seelische Verletzung, in der man selbst in oder Zeuge einer Situation war, die man als lebensbedrohlich empfunden hat. Die Gefühle, die in der Situation freigesetzt werden sind: Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen in einem intensiven Ausmaß. In der traumatischen Situation selbst erstarrt man und die zuvor bereitgestellten Energien der Flucht und der Verteidigung bleiben im Körper bzw. im Nervensystem stecken. Daraus entsteht eine Tyrannei der Vergangenheit, die verhindert, dass man den gegenwärtigen Moment wahrnimmt: man bleibt sozusagen – in Teilen – in der Vergangenheit hängen, weil der Körper sich an die alte Situation erinnert.

Was löst bei Ihnen intensive unangenehme Gefühle aus?

Traumatisch erlebte Ereignisse können bei fast jedem Menschen eine tiefe seelische Erschütterung verursachen. Dies kann zu einer Überforderung des angeborenen biologischen Stresssystems führen – je nachdem, was der betroffene Mensch schon vorher erlebt hat. Ein Trauma wirkt sich seelisch und körperlich aus. Die Überflutung des Gehirns im Rahmen einer überwältigenden Stressreaktion behindert die angemessene Verarbeitung des Erlebten mit der Folge, dass der Betroffene die gemachte Erfahrung nicht wie gewohnt in seinen Erlebnisschatz integrieren und dann wieder Abstand davon gewinnt. Der gesamte Organismus verharrt auf einem erhöhten Stressmodus und entwickelt Folgebeschwerden, d.h. ein Teil von ihm ist in dieser Situation „gefangen“ und verhindert ein vollständiges Erleben im Jetzt. Das erklärt auch, warum einen manche Situationen „antriggern“ (so lautet das Fachwort), die andere vielleicht als leichte Bedrohung oder sogar als Herausforderung erleben. Man selbst erlebt die Situation aber als Hyper-Erregung und fühlt dann eine mentale/physische Antriebslosigkeit, die Körper, Geist und Willen lähmen. Das wiederum führt zu Scham, Depression und Selbstvorwürfen – weil man in der speziellen Situation nicht seine vollständigen Ressourcen zur Verfügung hat.

Was kann traumatisieren?

Traumatisierend wirken, so beschreibt es Peter Levine, der Begründer der SE-Methode: „Krieg, Überfälle, sexuelle Übergriffe, Missbrauch, Gewalt, Unfälle, invasive medizinische Eingriffe, Naturkatastrophen und das Mitansehen-Müssen einer schweren Verletzung oder des plötzlichen Tods geliebter Menschen.“ Ergänzend dazu kommen Bindungstraumatisierungen, wenn die Menschen, zu denen eine Bindung besteht – wie bspw. Eltern oder Geschwister – die Verursacher der Traumatisierung sind. Gewaltausübende Familienzusammenhänge oder Vernachlässigung im familiären Umfeld führen ebenfalls zur Traumatisierung, weil Kinder nicht fliehen oder angreifen können. Hier hilft manchmal nur das innere Fortgehen, was zur Folge hat, dass die dann Erwachsenen auch nichts mehr fühlen können und erst wieder lernen müssen, in ihren Körper zurück zu kommen, weil die damalige Gefahr heute nicht mehr besteht. Hiermit habe ich es in meiner Praxis oft zu tun – dass Menschen, die mich aufsuchen, ganz wenig Kontakt zu sich selbst haben und diesen erst wieder erlernen müssen.

Bettina Alberti, die sich mit vorgeburtlichen Erfahrungen und Bindung generell auseinandergesetzt hat, verweist darauf, dass auch Trennungen der Eltern während der Schwangerschaft durch den seelischen Stress der Mutter traumatisierend wirken. Auch die Schwere einer Geburt kann zur Traumatisierung – sowohl bei der Mutter als auch bei dem Kind – führen.

Traumatisierend können somit vielerlei Situationen sein und damit wird nochmal deutlich, dass ein Mensch in seinem Lebensverlauf häufig von einer Traumatisierung betroffen sein kann.

Traumaheilung: zurück zur Lebensfreude

Wichtigstes Ziel bei der Heilung eines Traumas ist – so beschreibt es Bessel van der Kolk – die Fähigkeit der Selbstkontrolle und Selbststeuerung in Situationen, die einen emotional stark aktivieren, wiederzuerlangen. Diese Kontrolle über sich selbst hat man in der Vergangenheit in einer traumatischen Situation verloren. Das setzt voraus, dass man eine Konfrontation mit der Vergangenheit wagt, aber ohne die Traumatisierung wiederzubeleben. Voraussetzung dafür ist, dass man sich in der Gegenwart sicher fühlt und genügend körpereigene Ressourcen aufgebaut. Dazu braucht es eine achtsame Begleitung. SE ist eine Methode, die Verletzungen, der Seele und des Körpers zu heilen. Kern der Methode ist, dass die „eingefrorene“ Energie in kleinen Dosen „aufgetaut“ wird und schrittweise entladen wird. Durch das Aufspüren und Wiederbeleben dieser biologischen, körperlichen Abwehrkräfte, entsteht aus dem traumabedingten Gefühl von Lähmung und Erstarrung ein Gefühl von Lebendigkeit und Lebensfreude. Im Idealfall fallen vielerlei Panzerungen des Körpers ab und die tief verankerten Nachwirkungen von Trauma können sich schonend auflösen ohne detailliert mit der Erinnerung des Traumas zu arbeiten. Das macht die Methode innerhalb der therapeutischen Traumamethoden so einzigartig und wirkungsvoll.

Peter Levine beschreibt es treffend: „Das Nervensystem hat dadurch (das Trauma) seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm deshalb helfen, wieder zu seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurückzufinden“. Die Selbstheilung des Körpers wird reaktiviert für ein vollständiges Leben in der Gegenwart, so dass ein Mensch all seine Fähigkeiten und Möglichkeiten für ein erfülltes Leben nutzen kann. Und damit wird man, so wie es in einem empfehlenswertes Buch von Peter Levine beschrieben wird durch die achtsame Herangehensweise von SE „Vom Trauma befreit“.

Guter Film zum Anschauen von der Elfriede Dietrich Stiftung:
http://www.e-dietrich-stiftung.de/das-filmprojekt/betroffene.html

Bücher:
Peter A. Levine (2016): Trauma und Gedächtnis. Die Spuren unserer Erinnerung in Körper und Gedächtnis. München, Kösel Verlag
Peter A. Levine (2007): Vom Trauma befreien. Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen. München, Kösel Verlag
Bettina Alberti (2005): Die Seele fühlt von Anfang an. Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen. München, Kösel Verlag
Bessel van der Kolk (2016): Verkörperter Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. Lichtenau. Probst Verlag


Berührung hilft – Oder: Warum Berührung so wichtig ist
Film von Paul Amberg und Halim Hosny

Wir streichen übers Smartphone, aber streicheln uns nicht mehr: Überstunden statt Umarmung, Karriere statt Kuscheln. Wissenschaftler mahnen: Unsere Gesellschaft ist unterkuschelt. Ein schöner Beitrag von ZDFzoom mit einer ungewöhnlichen Reise durch die Welt der Berührung und des Kuschelns über die einzelnen Lebensphasen und warum dies so wesentlich für uns ist – das Kuscheln http://www.zdf.de/zdfzoom/fass-mich-an..-warum-beruehrung-so-wichtig-ist-43933756.html

Ich wünsche Ihnen einen schönen Spätsommer – mit viel Berührung!

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