Beratungsbeispiele aus meiner Praxis

Dankbarkeit in der Therapie: Mehr als positives Denken

„Ich bin für so vieles dankbar in meinem Leben“,

sagte mir kürzlich eine Klientin in unserer Beratung.

Als ich diesen Satz hörte, war ich berührt. Denn er stand in einem deutlichen Kontrast zu dem, womit sie zu Beginn der Therapie zu mir gekommen war.

In den ersten Stunden war ihr Blick vor allem auf leidvolle, schwierige Phasen und schmerzhafte Erfahrungen ihres Lebens gerichtet gewesen. Auf das, was gefehlt hatte. Auf das, was verletzt oder überfordert hatte. Auf das, was schwierig ist und war. Auch ihre körperlichen Einschränkungen waren hier ein wichtiges Thema.

Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches. Viele Menschen kommen in meine Therapie, weil sich das Leben schwer, eng oder wenig lebendig anfühlt. Weil Sorgen, Ängste, alte Verletzungen, aber auch aktuelle Krisen den Blick verengen.

Therapie ist oft zunächst ein Raum, in dem all das endlich ausgesprochen und im besten Fall, auch gefühlt werden darf. Und zwar mit einem Gegenüber, denn ohne diese Resonanz passiert wenig.

Was ist hier passiert?

Der Perspektivwechsel meiner Klientin kam nicht plötzlich – und auch nicht durch „positives Denken“. Vielmehr war er das Ergebnis eines behutsamen therapeutischen Prozesses.

In meiner Arbeit geht es darum, Erfahrungen ernst zu nehmen, Gefühle zuzulassen und innere Zusammenhänge besser zu verstehen. Erst wenn Schmerz gesehen und gewürdigt wird, kann sich etwas lösen – auch körperlich.

Dankbarkeit ist ein heilsamer Perspektivwechsel

Und das beginnt oft schon mit der Geburt, das Leid oder sogar Trauma. Wie bei meiner Klientin, die vor über siebzig Jahren geboren wurde und als Frühchen zur Welt kam. Es gab wenig Hoffnung von Seiten der Ärzte für das Überleben des Kindes. Mit knapp 1060 Gramm wurde sie damals aus der Klinik entlassen – kaum lebensfähig. Aber – und hier liegt für sie heute eine wichtige Erfahrung zugrunde, ihre Mutter hat mit aller Kraft und vor allem mit großer Liebe für das Überleben ihrer Tochter gesorgt. Fernab von allen medizinischen Prognosen.

Neu erlebte Erfahrungen verändern den Blick

Diese Erfahrung heute neu zu erleben, ermöglichte meiner Klientin einen ganz anderen Blick auf Ihre Mutter zu bekommen. Denn die Beziehung zu ihr war – solange sie noch lebte – immer schwierig. Jetzt sieht sie ihre Mutter anders. Der Blick auf sie ist viel liebevoller und sehr wichtig, auch auf sich selbst blickt sie heute anders. Mit Dankbarkeit für das, was war.

Viele therapeutische Ansätze – ob gesprächsorientiert, emotionsfokussiert, achtsamkeitsbasiert oder körperorientiert – verfolgen genau das: den Kontakt oder Blick auf sich selbst zu vertiefen. Mit der Zeit entsteht oft wieder ein Zugang zu inneren Ressourcen, zu dem, was trägt, stärkt oder Sinn vermittelt. Dankbarkeit ist dabei kein Ziel, sondern eher eine mögliche Folge dieses Prozesses.

Was bedeutet Dankbarkeit?

Dankbarkeit bedeutet nicht, dass plötzlich alles gut ist oder dass schwierige Erfahrungen „weg“ sind. Sie heißt auch nicht, Leid klein zureden. Vielmehr beschreibt Dankbarkeit die Fähigkeit, das eigene Leben in seiner Ganzheit wahrzunehmen – mit all seinen Brüchen und mit dem, was nährt.

Dankbar zu sein kann bedeuten, kleine Momente zu würdigen: einen ruhigen Atemzug, ein unterstützendes Gespräch, einen positiven Lichtstrahl im Alltag. Es ist eine innere Haltung, die den Blick weitet und Verbindung schafft – zu sich selbst, zu anderen Menschen und zum Leben. Oder wie im Beispiel mit meiner Klientin, heute dankbar zu sein, was ihre Mutter für ihr Überleben alles geleistet hat.

Wo spürt man Dankbarkeit im Körper?

Viele Menschen berichten, dass Dankbarkeit nicht nur ein Gedanke ist, sondern eine körperliche Empfindung. Sie wird oft als Wärme im Brustraum beschrieben, als Weite, als ein ruhigeres Atmen oder ein sanftes Gefühl von Verbundenheit mit sich selbst, anderen Menschen oder der Natur.

Manchmal zeigt sie sich auch ganz leise – als Entspannung, als inneres Aufatmen oder als Moment von Frieden. Aber auch tiefe innere Rührung, verbunden mit Tränen, können ein Ausdruck von Dankbarkeit sein. Vielleicht auch als spirituelle Erfahrung…

Gerade in der therapeutischen Arbeit ist es wertvoll, diese körperlichen Signale wahrzunehmen. Sie helfen, Erfahrungen zu verankern und geben dem Nervensystem neue, positive Referenzen.

Wie geht es weiter?

Dankbarkeit ist kein Zustand, der für immer bleibt. Sie kommt und geht – so wie andere Gefühle auch. Doch wer gelernt hat, sie wahrzunehmen, kann immer wieder zu ihr zurückfinden.

Therapie kann dabei unterstützen, diesen Zugang zu stärken und eine innere Balance zwischen dem Anerkennen von Schmerz und dem Wahrnehmen von Ressourcen zu entwickeln. Im Somatic Experiencing (SE)® nennt man das auch Pendeln.

Der Satz meiner Klientin erinnert mich daran, wie heilsam es sein kann, wenn sich der Blick langsam verändert. Wenn Sorgen und Grübelgedanken weniger Platz haben. Nicht, weil das Leben plötzlich perfekt ist – sondern weil es wieder lebendiger, vielfältiger und verbundener erlebt werden kann. Vor allem mit dem Herzen…

„Die Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.“ Jean-Baptiste Massieu (1743 – 1818), französischer Bischof

Und hier zum Vertiefen mit einigen Tipps, um Dankbarkeit zu praktizieren:

https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Dankbarkeit-durch-Achtsamkeit-ist-gut-fuer-die-Seele,dankbarkeit112.html

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert