Beratungsbeispiele aus meiner Praxis

Medizinisches Trauma: Symptome, körperliche Reaktionen und Wege zur Verarbeitung

Vor einer anstehenden weiteren Operation bittet mich eine Klientin um einen Termin, da sie im Hinblick auf ihre OP vielerlei körperliche Symptome verspürte. In der Sitzung erzählte sie dann, dass schon allein bei der Vorstellung an den Termin ihr Herz zu rasen beginnt und sie in der letzten Zeit auch Schlafstörungen hatte.

Nur ein Pieks? Für manche schon ein Trigger…

Medizinische Behandlungen sollen Heilung und Unterstützung geben. Doch nicht jede Erfahrung im medizinischen Kontext wird als sicher oder hilfreich erlebt. Manchmal hinterlassen Operationen, Notfallsituationen oder belastende Untersuchungen psychische Spuren, die noch lange nach der körperlichen Genesung bestehen bleiben.

In der Psychotherapie sprechen wir dann von einem medizinischen Trauma. Und vielleicht liegt der Ursprung schon sehr lange zurück… so, wie bei meiner Klientin.

1. Was ist ein medizinisches Trauma?

Ein medizinisches Trauma entsteht, wenn eine medizinische Situation als überwältigend, bedrohlich oder stark kontrollverlustreich erlebt wird und das Nervensystem diese Erfahrung nicht ausreichend verarbeiten kann. Dabei geht es weniger um die objektive Schwere eines Eingriffs – entscheidend ist, wie die Situation innerlich erlebt wurde.

Bei meiner Klientin gab es z.B. eine erfolgreiche OP, aber ihre Angst – die wiederum aus einer vorherigen Situation entstammte – steckte noch völlig in ihrem Körper fest. Dass die Operation an einem Körperteil gut verlaufen war, konnten wir in der Sitzung mit Körperwahrnehmung sichtbar machen. Ihr wurde jetzt erst bewusst: die OP ist ja vorbei und es ist alles gut gegangen. Im Körperbewusstsein war sie jedoch in der Angst in der OP „steckengeblieben“.

Das ist keine Seltenheit, denn oft fehlt die Orientierung zu Zeit und Raum in der Gegenwart.

Typische Auslöser für ein medizinisches Trauma können sein:

  • Operationen oder intensive medizinische Eingriffe, die einen erheblichen Einfluss auf das Selbst bedeuten und als Grenzverletzung erlebt werden
  • Notfallbehandlungen, wie Schlaganfall oder Herzinfarkt und Unfälle
  • schmerzhafte Untersuchungen, wie z.B. Zahn-OPs, die Angst vor weiteren Eingriffen erzeugen
  • medizinische Erfahrungen im Kindesalter – vor allem, wenn Bezugspersonen nicht dabei sein konnten oder wenig empathisch waren (in den 80er Jahre gab es kein Rooming-In – auch nicht für Frühchen)
  • schlechte oder viel zu direkte Informationen über Befunde und Diagnosen (Diagnoseschock)
  • schwierige bzw. lange Geburten oder Neugeborenenversorgung mit langer Trennung
  • Komplikationen oder Behandlungsfehler

Selbst Routineeingriffe können traumatisch wirken, wenn dabei starke Angst oder Hilflosigkeit erlebt wird – denn das ist individuell immer verschieden.

Wichtig ist aber auch,  dass bei den Ärzten, Therapeuten oder Pflegepersonal häufig Zeit und Ressourcen fehlen, um mitfühlend auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen. In einer verletzlichen Situation – wie z.B. auf dem Operationstisch – fühlt sich jeder Mensch schnell ausgeliefert und hilflos. Gerade hier ist ein entsprechendes Gegenüber für die eigene Regulation der Gefühle notwendig. Auch das kann traumatisieren, wenn diese Zuwendung nicht da ist.

2. Typische Folgen medizinischen Traumas

Manche Menschen können sich ihre Ängste nicht wirklich erklären, wenn es um medizinische Eingriffe geht – manchmal ist es jedoch aufgrund einer langen Leidensgeschichte mit vielen Aufenthalten in Kliniken und Praxen ganz offensichtlich. Einige Klientinnen und Klienten haben schon von Geburt an, z.B. weil sie als Frühchen geboren wurden oder einige frühkindliche Krankheiten hatten, eine hohe Angst vor allen weiteren Eingriffen. Egal, um was es geht.

Ein medizinisches Trauma zeigt sich oft nicht dort, wo Betroffene es erwarten. Viele denken: „Das ist doch so (lange) vorbei – warum reagiert mein Körper immer noch?“ Die Antwort liegt darin, dass Trauma weniger eine Erinnerung als vielmehr eine körperliche Erfahrung ist.

Häufig berichten Betroffene von intensiven Stressreaktionen schon lange vor oder während medizinischer Termine. Schon der Gedanke an eine Arztpraxis, ein bestimmter Geruch oder das Geräusch bestimmter Instrumente kann (starke) Unruhe, gar Panik oder Herzklopfen und innere Anspannung auslösen. Selbst dann, wenn rational heute keine Gefahr besteht. Genau das ist der Punkt: das körperliche Empfinden ist quasi in der Vergangenheit steckengeblieben.

Ein weiteres häufiges Zeichen ist Vermeidung. Arztbesuche werden hinausgezögert oder ganz abgesagt, obwohl sie medizinisch sinnvoll wären. Das ist kein Zeichen von Unvernunft, sondern ein Versuch des Nervensystems, sich vor erneuter Überforderung zu schützen.

Auch der Körper selbst kann reagieren: mit Zittern, Schwindel, Übelkeit, Erstarrung oder dem Gefühl, „nicht richtig da“ zu sein. Diese Reaktionen treten oft plötzlich auf und lassen sich willentlich kaum steuern.

Viele Betroffene erleben zusätzlich Scham oder Selbstzweifel. Gedanken wie „Ich stelle mich an“, „Andere halten das doch auch aus“ oder „Ich müsste da einfach drüberstehen“ sind weit verbreitet. Dabei verstärken genau diese inneren Bewertungen den Stress oft noch.

Nicht selten fällt es Menschen nach medizinischen Grenzerfahrungen schwer, ihre Bedürfnisse klar zu äußern oder Grenzen zu setzen. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, kann auch lange nach dem eigentlichen Ereignis nachwirken – besonders in Situationen, in denen Autorität, Körpernähe oder Abhängigkeit eine Rolle spielen.

All diese Reaktionen sind keine Übertreibung und kein Zeichen von Schwäche. Sie sind Ausdruck eines Nervensystems, das gelernt hat, besonders wachsam zu sein.

3. Was hilft zur Vermeidung eines medizinischen Traumas?

Früheren belastenden Erfahrungen einen sicheren Raum geben

So ist meine Klientin beispielsweise ihre letzte Operation noch einmal langsam und behutsam mit mir als Begleiterin durchgegangen. Entscheidend war dabei, die körperlichen Empfindungen bewusst wahrzunehmen – ohne erneut in eine Überforderung oder Retraumatisierung zu geraten. Man spricht hier von einer Neu-Verhandlung der damaligen Situation.

Dr. Isa Gruber beschreibt dies in „Was der Körper zu sagen hat“ wie folgt:

„Wenn die damals blockierten Körperreaktionen verlangsamt werden, hat das Nervensystem Zeit zu zeigen, welche Schutz- und Verteidigungsbewegungen nicht zu Ende gebracht werden konnten.“

Und weiter schreibt sie:

„Auch die Emotionen waren damals überwältigend. Deshalb ist es so wichtig, das Geschehen jetzt zu verlangsamen, um die Emotionen handhabbar zu machen.“

In diesem geschützten Rahmen konnte meine Klientin schließlich spüren: Die Operation ist vorbei! Gefühle von Erleichterung tauchten auf, Tränen konnten fließen – etwas, das während der ursprünglichen Situation nicht möglich war. Ihr Körper war damals erstarrt. Auch die Wieder-Verbindung zu dem operierten Körperteil war wichtiger Teil der Therapie.

Ich lade meine Klientinnen und Klienten dann gerne ein, Kontakt mit den Händen zum operierten Körperteil aufzunehmen. Das ist oft sehr berührend, denn der verletzte bzw. operierte Teil wird häufig gefühlsmäßig abgespalten.  Diese Reaktion ist ein natürlicher Schutzmechanismus des Nervensystems.

Sicherheit durch Information

Gut informiert in eine OP zu gehen gibt Sicherheit und Orientierung.

Für viele Menschen ist es entlastend, sich vor einem medizinischen Eingriff gut zu informieren. Dazu gehört:

  • offene Fragen direkt mit Ärztinnen, Ärzten oder dem Fachpersonal zu klären

  • verunsichernde Internetrecherchen möglichst zu begrenzen

  • wenn möglich, das Krankenhaus vorab kennenzulernen

Verlässliche Informationen stärken das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit. So wird meine Klientin nach unserer Sitzung ihren Arzt genau fragen, was bei der anstehenden OP für sie wichtig ist.

Unterstützung annehmen

Ebenso sinnvoll ist es, nicht allein durch diese Situation zu gehen. Hilfreiche Fragen können sein:

  • Wer begleitet mich zum Termin?

  • Wer ist da, wenn ich aus der Narkose aufwache?

  • Welche persönlichen Ressourcen geben mir Halt – etwa ein Foto, ein vertrauter Gegenstand oder ein kleines Maskottchen?

Solche kleinen Anker können eine große Wirkung auf das Sicherheitsempfinden haben und das Nervensystem beruhigen.

Entspannt in den Eingriff gehen

Ein weiterer zentraler Punkt ist die innere Vorbereitung.
Je entspannter ein Mensch in eine Behandlung oder Narkose gehen kann, desto leichter findet das Nervensystem anschließend wieder in einen ruhigen Zustand zurück.

Starke Angst aktiviert den Körper dagegen erheblich – der Sympathikus (unser Aktivierungs- und Stresssystem) läuft dann auf Hochtouren. Diese erhöhte innere Anspannung wird gewissermaßen mit in den Eingriff genommen.

Deshalb ist es besonders wichtig, vor einer Operation bewusst Wege in die Ruhe zu finden – durch Gespräche, Atemübungen oder unterstützende Begleitung. Termine, die vorher aufregen, sollten möglichst vermieden werden. Auch eine ruhige Anreise zum Termin oder Eingriff ist empfehlenswert.

Denn letztlich ist ein reguliertes Nervensystem die besten Voraussetzungen für einen möglichst sicheren und stabilen Heilungsverlauf. Weitere Traumatisierungen können mit den genannten Empfehlungen vermieden werden.

Was ist wesentlich?

Medizinische Traumata sind oft unsichtbar – und gleichzeitig können sie das Erleben des eigenen Körpers nachhaltig beeinflussen. Viele Betroffene wundern sich über ihre Reaktionen oder stellen sie infrage. Dabei sind sie Ausdruck eines Nervensystems, das versucht hat, mit einer überwältigenden Situation umzugehen. So, wie meine Klientin, die erstmal gar nicht wusste, wo ihre Ängste herrührten.

In meiner therapeutischen Arbeit ist es mir deshalb wichtig, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem solche Erfahrungen in Ihrem eigenen Tempo verstanden und verarbeitet werden können. Schritt für Schritt kann so wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper und in medizinische Situationen entstehen. Die eigene Selbstwirksamkeit wird – auch wenn medizinische Untersuchungen oder OPs eine Herausforderung sind – wieder fühlbar.

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