Lebensthemen

Zu viel, zu schnell, zu plötzlich: Trauma als tiefe Grenzerfahrung und Wege zur Heilung

Bin ich traumatisiert?

Diese Frage begegnet mir häufig in meiner Praxis. Seit ich mich intensiv mit dem Thema Trauma im Rahmen meiner Somatic Experiencing (SE)-Ausbildung vor 10 Jahren befasst habe – einer körperorientierten Methode zur Verarbeitung traumatischer Erfahrungen – ist mir bewusst geworden, wie weit verbreitet Traumatisierungen sind.

Die meisten Menschen haben irgendwann belastende Erfahrungen gemacht. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede*r gleichermaßen betroffen ist – die Schwere der Traumatisierung kann stark variieren. Und nicht jede/r ist auch bei gleichen Erlebnissen traumatisiert. Wie kommt das?

Ein Blick zurück: Traumata der Generationen

Viele Menschen vor allem in der Lebensmitte tragen unbewusst Traumata in sich – oft geprägt durch die Erfahrungen ihrer Eltern. Wer in den 50er oder 60er Jahren geboren wurde, hatte Eltern, die als Kinder oder Jugendliche den Zweiten Weltkrieg erlebten. Damals gab es kaum Möglichkeiten zur Aufarbeitung, und so wurden nicht verarbeitete Traumata an die nächste Generation weitergegeben. Transgenerationales Trauma – so wird das genannt.

Hinzu kommen eigene belastende Erfahrungen: Viele Menschen haben es nie gelernt, sich klar abzugrenzen oder für sich einzustehen. In meiner Praxis erlebe ich oft, dass aktuelle Probleme eng mit der eigenen Biografie verknüpft sind. Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen, ist ein ganz entscheidender Schritt auf dem Weg zur Heilung.

Trauma – eine lange Geschichte

Das Wissen über Trauma reicht bis ins Paris der 1870er Jahre zurück. Erst in den 1980er Jahren wurden die sogenannten Schützengraben- und Kriegsneurosen als ernstzunehmende psychische Erkrankung anerkannt. Die Symptome – Flashbacks, Alpträume, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme – kennen wir heute unter dem Begriff Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

In Deutschland begann die Entwicklung einer eigenständigen Traumatherapie in den 1990er Jahren. Frühe Methoden setzten auf die direkte Konfrontation mit dem Trauma, was jedoch oft zu einer Retraumatisierung führte. Moderne körperorientierte Ansätze wie Somatic Experiencing (SE) gehen behutsamer vor: Sie helfen Betroffenen zunächst, innere Ressourcen aufzubauen, bevor sie sich mit dem Trauma auseinandersetzen.

Was ist ein Trauma – und wie wirkt es sich aus?

Das Wort Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. Ein Trauma entsteht, wenn ein Mensch eine Situation als lebensbedrohlich empfindet – sei es als direkt Betroffener oder als Zeuge. Typische Emotionen sind Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen.

Im Moment der Bedrohung erstarrt der Körper. Die Energie, die eigentlich für Flucht oder Verteidigung bereitgestellt wurde, bleibt im Nervensystem „stecken“. Die Folge: Der Körper bleibt teilweise in der Vergangenheit gefangen, während der Verstand längst weitergezogen ist. Das kann dazu führen, dass Menschen alltägliche Situationen als übermäßig belastend oder bedrohlich erleben – sie reagieren auf bestimmte Reize mit Stress, als befänden sie sich noch immer in Gefahr. Die zuvor erlebte Erfahrung hat ein tiefes „ich kann nicht“ erzeugt.

Wann wird eine Erfahrung traumatisch?

Nicht jedes belastende Erlebnis führt automatisch zu einem Trauma. Entscheidend ist, ob das angeborene Stressbewältigungssystem die Erfahrung verarbeiten kann. Traumata entstehen oft dann, wenn das Nervensystem überwältigt wird. Das bedeutet, Menschen können die gleiche Erfahrung gemacht haben, manche sind davon traumatisiert – andere wiederum nicht. Je nachdem wie gut sie mit der Situation umgehen können und ob sie direkt nach einem Trauma Unterstützung an der Seite haben und gut begleitet werden.

Werden traumatische Erfahrungen nicht ausreichend verarbeitet, können sie sich auf Körper und Psyche auswirken:

  • Emotionale Überflutung

  • Schlafstörungen

  • Ängste und Depressionen

  • Gefühl der Lähmung oder Antriebslosigkeit

  • Psychosomatische Erkrankungen, die keine Organursache haben

Viele Betroffene erleben Scham oder Selbstvorwürfe, weil sie sich nicht „normal“ fühlen. Doch es ist ganz wichtig zu verstehen:
👉Diese Reaktionen sind keine persönlichen Schwächen – sie sind die logische Folge eines unvollständig verarbeiteten Traumas.

Was kann traumatisieren?

Peter Levine, der Begründer der SE-Methode, beschreibt verschiedene mögliche Ursachen für Trauma:

  • Krieg, Unfälle, Naturkatastrophen

  • Überfälle, Gewalt, Missbrauch

  • Invasive medizinische Eingriffe

  • Plötzlicher Verlust nahestehender Menschen

Doch auch weniger offensichtliche Erlebnisse können traumatisierend wirken:

  • Bindungstraumata entstehen, wenn Eltern oder andere Bezugspersonen selbst die Quelle der Angst sind. Vernachlässigung oder Gewalt in der Familie kann dazu führen, dass Betroffene in ihrer Kindheit gelernt haben, sich innerlich zurückzuziehen. Später fällt es ihnen oft schwer, mit Gefühlen in Kontakt zu treten.

  • Pränatale und Geburtstraumata: Bettina Alberti weist darauf hin, dass bereits Stress der Mutter während der Schwangerschaft traumatische Folgen haben kann – sowohl für die Mutter als auch für das Kind.

All diese Erfahrungen zeigen: Trauma ist nicht die Ausnahme, sondern häufig Teil des menschlichen Lebens.

Der Weg zur Heilung: Zurück zur Lebensfreude

Ein zentrales Ziel der Traumatherapie ist es, wieder Kontrolle über sich selbst zu erlangen. In einer traumatischen Situation haben Betroffene diese Kontrolle verloren – daher ist es wichtig, sie behutsam zurückzugewinnen. Auch die zurückliegende Geschichte wird nicht in ihrer Vollständigkeit erinnert – das schafft ein Gefühl davon, es fehlt etwas in meinem Leben.

Bessel van der Kolk beschreibt, dass eine erfolgreiche Verarbeitung erst möglich ist, wenn man sich sicher fühlt und über genügend innere Ressourcen verfügt. Methoden wie Somatic Experiencing (SE) helfen dabei, eingefrorene Energie nach und nach sanft zu lösen, ohne das Trauma erneut durchleben zu müssen.

Warum ist der körperliche Ansatz so wertvoll?

Trauma bleibt nicht nur im Kopf, sondern vor allem auch im Körper gespeichert. SE setzt genau dort an: Durch gezieltes Spüren und Aktivieren natürlicher Abwehrreaktionen kann das Nervensystem seine ursprüngliche Flexibilität und Kraft zurückgewinnen. Denn das innere Gewahrsein hilft bei der Rückkehr zur vollen Lebendigkeit – dem letztendlichen Ziel von Somatic Experiencing (SE).

Peter Levine bringt es auf den Punkt:
„Das Nervensystem hat durch das Trauma seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm helfen, wieder zu seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurückzufinden.“

Durch diesen behutsamen Heilungsprozess kann sich ein Mensch Schritt für Schritt aus der Erstarrung befreien – hin zu mehr Lebensfreude, innerer Sicherheit und Selbstbestimmung. 

Empfehlungen für weitere Informationen

🎥 Filmempfehlung: Dokumentation der Elfriede Dietrich Stiftung
👉 Hier anschauen


📚 Buchtipps:

  • Peter A. Levine (2016): Trauma und Gedächtnis. Die Spuren unserer Erinnerung in Körper und Gedächtnis

  • Peter A. Levine (2007): Vom Trauma befreien. Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen

  • Bettina Alberti (2005): Die Seele fühlt von Anfang an. Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen

  • Bessel van der Kolk (2016): Verkörperter Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann

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